„Das Kompendium“ – Kapitel 9

REISEN UND LEBEN DES LYSANDER FEDERKIEL

Holz schmolz. Blaugraue Rauchschwaden entstiegen dem abgetretenen Boden im Klassenzimmer 7a der Alten Schule zu Nostria. Drei Männer, eine Hexe und eine Schlange umringten die wabernde Pforte in den Abgrund der Hölle, die sich vor ihnen aufgetan, eingeschlossen durch ein magisches Pentragram. Ein trainiertes Zirkusäffchen spannte die Unterarm-Armbrust seines Herrn und legte einen panzerbrechenden Bolzen in die ausgehöhlte Wölbung der Schussvorrichtung. Die Waffe war auf das Zentrum der Pforte gerichtet, ruhte vollkommen ruhig und sicher auf dem Unterarm des Schützen. Ein Lächeln umspielte sein hübsches Gesicht, sein weißes Haar fiel wallend über seine Schultern. Dieses war der letzte Dämon in einer langen Reihe abnormer Kreaturen, den Lysiander Morgenstern erlegen würde. Ein Acker voller Dämonenleichen zierte den Hintergarten seines Hauses. Mit der Asche dieses geflügelten Bastards hätte er endlich die fehlende Komponente für den Trank der Seelen zusammen, der ihn unsterblich machen würde – wörtlich, wie auch im übertragenen Sinne. Eine Schweißperle wagte schüchtern den Vorstoß auf Lysianders Stirn, doch ein scharfer Blick drängte sie zum raschen Rückzug und sie verschwand in den feinen Poren des Halbelfen Haut.

Das Haus begann zu beben, quälende Schreie der Toten schrillten plötzlich kalt und schneidend von überall her und ein blendendes Licht flammte inmitten des Pentagramms auf. Die Männer ergriffen Hals über Kopf die Flucht und stießen die Hexe in die gleißenden Flammen, in der vagen Hoffnung, dies Menschenopfer verhindere eine Verfolgung durch den gehörnten Flügelträger, der unaufhaltsam in ihre Welt eindrang. Sechs blutige Hufe, zwei Köpfe, wie die der größten Stiere, die Lysiander jemals gesehen hatte, aus ihren Nüstern qualmend und zwei Flügelpaare aus flüssigem Teufelsstahl folterten des Halbelfen Hirn. Jeder andere hätte sich grauenerfüllt abwenden müssen, doch Lysiander bewegte sich um kein Jota. Während sein halbtreues Äffchen seine Stellung aufgab und floh, sprach der Held einen Lobgesang auf seine Tapferkeit. Der Höllenfürst schob sich zur Gänze aus dem Abgrund und sein Gebrüll aus dem Jenseits verwandelte die Luft in tödliches Gift. Mit geschlossenen Augen, geleitet von seinem Herzen, feuerte Lysiander den panzerbrechenden Bolzen in sein Ziel. Die Stirn des Dämons brach in ein flammendes Inferno aus, als das geheiligte Öl, in das Lysiander den Bolzen am Morgen getränkt hatte, seine Wirkung entfaltete. Der Halbelf verschloss seine Ohren und verfolgte den kurzen, aber unsagbar qualvollen Todeskampf der letzten Zutat seines Trankes. Dämonen lebten nicht, er empfand keinerlei Reue, dieses untote Dasein auszulöschen und auf den Überresten zu tanzen.

Die Bestie verbrannte in Sekunden zu Asche. Der Held sammelte sie ein und verließ den Ort des Sieges. Am Abend, in der Abendsonne auf seiner Veranda, ließ Lysiander Morgenstern ein Quäntchen Asche in sein Glas rieseln. Sie glühte noch immer und zischte, als sie auf die Oberfläche des Wassers traf. Alle Farben des Regenbogens sprudelten in dem Getränk, als er seine Lippen damit benetzte. Verdammt noch eins – dies war wahrhaftig das komplizierteste und unnachahmlichste Rezept gewesen, welches er je erdacht hatte. Mit diesem Cocktail hatte er sich selbst übertroffen. Er schmeckte ein bisschen nach Erdbeere.

„Dämonenkampf“ / Copyright by Tanja Waack

Ja, meine Getreuen, so hat sich der Kampf tatsächlich zugetragen. Ich habe mir lediglich die Freiheit erlaubt, meinem Helden einen anderen Namen zu geben und ihn ein wenig mehr in den Mittelpunkt zu rücken, um die Dramatik besser greifbar zu machen. Dies ist mir auf’s Vorstrefflichste gelungen, wenn ich das ganz unbescheiden sagen darf. Natürlich darf ich das, es ist ja mein Kompendium!
Nun, nach diesen Ereignissen fanden sich Arlekin, Orasilas und die Hexe Satuna – gut, sie wurde nicht geopfert, aber es erhöhte einfach die Spannung! – wieder im ständigen Hauptquartier, dem Fringlashof ein. Satuna benötigt die Asche des Dämons in der Tat, um einen Trank zu brauen, um meinen beiden Gefährten ihre verlorenen Erinnerungen wiederzugeben. So soll es sein. Ein leckerer Erdbeer-Trunk wäre mir lieber, doch ich schätze, dieser Wunsch verbleibt im Reich der Geschichten.

Endlich erhielt ich von Satuna mehr Auskunft über das Ahnenzeichen auf der Brust der toten Prinzessin, doch ich kann es nicht recht deuten, wenngleich es mir bekannt vorkommt. Ich müsste in einem Buch meiner Mutter nach einem Hinweis suchen, allerdings ist das vermutlich in Aran irgendwo in einer staubigen Schublade oder mein Vater hat es zu den Feen verschleppt, wer weiß. Ich werde der Sache beizeiten nachgehen.

Die Hexe braute den Trank für die beiden schnell und alsbald wurde ich wieder zum Aufbruch genötigt, obwohl ich gerade Inspiration für Emanuel fühlte. Es ist weiß Phex nicht leicht für einen Künstler dieser Tage, Ruhe für die Muße zu finden! Wir eilten zum Freiheitsplatz und ich warf einen Blick in die nostrische Zeitung, um zu sehen, ob es Neuigkeiten über mich gäbe. Ich war bestürzt darüber, nicht den kleinsten Hinweis auf mich und mein Werk zu finden und auch sonst war nichts von Interesse in diesem Käseblatt gedruckt. Satuna führte uns zu jenem Waisenhaus, in dem Orasilas und Arlekin dereinst neben dem toten Baby erwachten. Dort tranken sie von dem Hexengebräu und sanken hernieder in tiefen Schlaf, um hoffentlich klüger zu erwachen, als zuvor. Deutlich klüger. Lysiander Morgenstern hielt, wie so oft, die Stellung und wachte über ihre verfluchten Seelen…

von Lysander Federkiel alias Florian Hoffmann

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Ein Kommentar zu “„Das Kompendium“ – Kapitel 9

  1. Ihr vier seid echt geile DSA Spieler! Jeder von euch ist stets in seiner Roller und auch der Spielleiter weiß es, euch aus den Blödeleien herauszuholen um zum Thema zurück zu kommen. Das beste was youtube in Sachen live DSA zu bieten hat! Ich habe selbst DSA gespielt und weiß wie schwer es ist seiner Rolle gerecht zu werden…. Aber ihr werdet diesem Spiel absolut gerecht. Wegen Leuten wie euch, stirbt dieses Spiel nicht, nein, es lebt und entflammt in mir wieder den Wunsch zu spielen. Super Story, super kurzweilig, super improvisiert, einfach der Hammer! Vielen Dank dafür Christian S.

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