„Das Kompendium“ – Kapitel 10

REISEN UND LEBEN DES LYSANDER FEDERKIEL

Wirklich erstaunlich, was Satuna mit ihrer Hexenkunst zustande bringt. Ich war überzeugt, meine Gefährten würden nach dem fraglichen Genuss des Gebräus lediglich einschlafen und mit sehr starken Kopfschmerzen erwachen, doch wider Erwarten erzählten Orasilas und Arlekin Dinge, die nicht nur einem verfluchten Traum entsprungen sein können.
Sie sahen Ereignisse, die sich in eben jenem Raum, in dem wir uns befanden, vor vielen Wochen zugetragen haben – am Tage, da das tote Prinzessinnen-Baby neben ihnen gefunden wurde. Beide vermögen sich der Dinge nun wieder vollständig zu erinnern und wussten Aufschlussreiches zu berichten:

Sie sahen einen geübten Magier, der durch ein magisches Portal flüchtete, das er in eine der Mauern ritzte. Bevor er verschwand, vertauschte er durch dunkelste Magie das Gesicht eines gewöhnlichen Babies mit dem der Prinzessin Lysiane der Dritten, Kasmyrin von Nostria. Das unbekannte Kind, nun mit dem Gesicht der Prinzessin, hatte er erdolcht, doch Blut rann noch aus dessen Körper. Als meine beiden unglücklichen Gefährten die Kammer betraten, auf der Suche nach dem flüchtigen Mann, den sie vom Fest am Steine von Nosteria dorthin verfolgt hatten, schickte er sie in tiefen, magischen Schlaf. Mit dem Blut des toten Kindes besudelte er ihre Kleider, um sie zu den Schuldigen zu machen, bevor er durch das magische Tor entschwand. Der daraufhin auftauchende Mob glaubte dem Schauspiel, das er sah und Arlekin und Orasilas flohen.

Erstaunlich, was so ein bisschen Dämonenasche und Hexenwerk aus einfachen Geistern zutage fördern kann.

Mit diesen wiedererlangten Erkenntnissen gingen wir achtsam zum Fringlashof zurück, als mir auffiel, dass einige Soldaten die Wagenspuren untersuchten, die wir vom Wächterturm auf unserer Flucht hinterlassen hatten. Sie hätten die Männer auf geradem Wege zu den Grünkappen geführt, wenn ich nichts unternommen hätte. Ich wies den Praetor an, für das Volk zu jonglieren, zur Ablenkung. Natürlich nicht DEN Praetor, nein, ich spreche von meinem Äffchen, das endlich einen würdigen Namen erhalten hat: Praetor Pipo. Ich hielt es für das Beste, es selbst wählen zu lassen, wie es heißen mag und als ich über der Lektüre meines Kompediums saß, nieste es unvermittelt. Und siehe da: zwei kleine Rotzfahnen zierten die Worte PRAETOR und PIPO. Dies war ein eindeutiges Zeichen und so nenne ich es fortan Praetor Pipo oder kurz PePe. Zugegeben finde ich dies angenehmer, als es nur Äffchen zu rufen.

Nun, PePe jonglierte und ich legte ein Tanzbein an den Tag, wie zu meinen besten Zeiten in Tante Awandas Gasthaus zur Sommersonnenwende. So kam niemand auf die Idee uns zu verdächtigen, irgendwelche Wagenspuren zu verwischen, was ich natürlich tat. Da es alleine unmöglich war, dies Werk zu vollbringen, bat ich meine Mitstreiter um tatkräftige Unterstützung. Ein Anblick mehr, den ich dringend aus meinem Gedächtnis tilgen muss – dringend! Wer einmal einen lowangischen Schwarzmagier und einen Rondrageweihten bei dem Versuche gesehen hat, durch Tanz zu unterhalten, der weiß, wovon ich spreche. Was PePe in der Ablenkung vollbrachte, machten die beiden hölzernen Dilettanten zunichte, drum schickte ich sie eilig in den Fringlashof, um weiteres Aufsehen zu verhindern. Nach einem nicht enden wollenden Applaus, folgten ich und PePe den beiden. Von den Wagenspuren ist nichts mehr zu sehen.

„Spuren verwischen“ / Copyright by Tanja Waack

Im Innenhof trennten sich unsere Wege. Noch inspiriert von meiner Darbietung, flogen mir in meinem Zimmer die Seiten für Emanuel fortlaufend zu und mein äffiger Freund mühte sich redlich, meinen Tanz nachzuäffen. Haha. Putzig, aber hoffnungslos, doch ich werde es ihm nicht verraten. Vielleicht hätte ich die Zeit zur Erholung nutzen sollen, doch wenn die Muse mich küsst, kann ich keinerlei Rücksicht auf Körperlichkeiten nehmen.
Von Zeit zu Zeit drang erst ein widerliches Pfeifen und später ein noch unmusikalischeres Singen an mein geplagtes Ohr, bei geschlossenem Fenster! Dolpher war der Plagegeist und
ich rief ihm zu, zu schweigen. Bei meiner Ehre als wahrheitsgetreuer Chronist meines Lebens – niemals habe ich gequälteres Pfeifen oder Singen vernommen. Dann und wann klang Dolphers Gekrächze gar wie das kehlige Geschrei eines Mädchens. Die Zwölfe mögen verhüten, dass Köche zu Sängern werden!
Eigentlich hatte ich erwartet, dass Arlekin und ich zum Verhöhr Asmodeths gerufen würden, doch anscheinend wurde es erneut vertagt. Mehr Zeit für mein Kompendium kann ich da nur sagen.

von Lysander Federkiel alias Florian Hoffmann

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