„Das Kompendium“ – Kapitel 12

REISEN UND LEBEN DES LYSANDER FEDERKIEL

„Auf wirren Pfaden wirst du wandeln, ungewiss, dein Ziel ein salzig Grab.“ (Prophezeihung des Antoninus Grachus an Hedewig Hammelsteen. Aus „Schwarzpelz und Vorurteil“, Kapitel 17 von Großautor Lysander Wunibald Federkiel)

Was war das für eine Hetzjagd! Salzerhaven ist noch weit. In der Nacht schreckte Bolle uns einen nach dem anderen aus dem Schlaf – zunächst Arlekin, dann mich. Ich bin schon des morgens nicht gut auf Leute zu sprechen, die mir meine Erholung rauben und so ist es des Nachts nicht besser. Doch als Bolle das sofortige Ende unseres Aufenthaltes hier verkündete – die Nostrische Wehr hatte vor dem Hofe in Hundertschaften Stellung bezogen – schob ich meinen Gram beiseite und rüstete mich für die unabwendbare Flucht. Ich sammelte meine sieben Sachen und PePe zusammen und scheuchte den Adeptus in seine Kammer, es mir gleich zu tun, da er mit leeren Händen und im Schlafrock vor mir stand. Ich begreife nicht, wie dieser Mensch auch nur eine magische Prüfung an einer Akademie bestehen konnte. Ich eilte unterdessen zu Orasilas, der schon mit Yeshi und gepackten Taschen parat stand. Der Aufruhr hatte ihn geweckt. Selbst Schnapper hatte keine Sekunde gezögert und sich vor unseren Fluchtkarren gespannt – denselben, mit dem wir schon das Fischfutter aus dem Wehrturm geholt hatten. Bolle stieß die Tür auf und erst jetzt kam Arlekin aus dem Haus gestürzt, seinen Krempel ungelenk in den Armen balancierend, noch immer im Nachtrock.
Ein Anblick, der mir ein Lachen entlockte. Gleichwohl hörten wir die Soldaten über die Mauern das Gasthofes. Die Späher der Grünkappen hatten den Altvater rechtzeitig gewarnt, bevor die Nostrische Wehr den Unterschlupf umzingeln konnte.
Halb hüpfend, halb stolpernd erreichte Arlekin den Karren und verlor dabei bald die Hälfte seines Eigentums. Ich zog ihn hinauf, Bolle ließ die Peitsche einmal in der Luft knallen und Schnapper schoss davon in die engen Gassen Nostrias.

Hinten auf dem Karren mühte der Adeptus sich, anständige Kleider anzulegen. Dies war eine gelungene Ablenkung, denn die Soldaten hielten uns wohl deshalb einen Augenblick für gewöhnliches Gesindel, dass einen schnellen Ausritt machte. Dann mussten sie mein schneeweißes Haar erspäht haben und rannten uns Hals über Kopf hinterher. Ich zögerte nicht und verfasste schneller als die Praiosscheibe eine Sekunde springt Autogramme, die ich
diesen aufgeregten Bewunderern zu warf. Nun ist unter der Nostrischen Wehr der Verstand nicht unbedingt das meistgenutzte Gut und so schenkten sie meiner Geste nicht die standesgemäße Beachtung. Nein, sie trampelten arglos über meine wertvollen Zettelchen hinweg. Nostria wird mich so bald nicht wiedersehen, das sage ich euch!

Schnapper machte gute Fahrt und alsbald übernahm Arlekin die Zügel, dessen Talent hier ausnahmsweise außer Frage steht. Orasilas pflügte auf Yeshi wie eine Dampframme durch die überraschten Passanten, die schreiend auseinanderstoben. Die Soldaten folgten uns zu Fuß und lagen im Hintertreffen, bis ein Borons-Karren uns den Weg versperrte. Potzblitz! Ich sprang vom Wagen und jagte Arlekin auf Yeshis Rücken. Ein strenger Blick reichte aus, um Orasilas Widerstand zu brechen, einen offenkundig hintersinnigen Zaubernden auf den Rücken seines Schlachtrosses zu lassen. Ich schlug dem Gaul auf den Hintern und startete mit Bolle im Schlepptau eine Ablenkung.

Verwinkelte Gassen sind überall gleich. Mein Instinkt leitete mich sicher um Ecken und durch Tunnel, über Dächer und durch Fenster. Einzig Bolle bremste meinen akrobatischen Taumel, was mir jeweils Zeit gab, Notizen zu machen und die Dächer Nostrias zu skizzieren.
Wir erreichten den Hafen. Der Treffpunkt sollte auf dem Kai sein. Nur Bolle konnte uns sagen, welches Schiff wir zu besteigen hatten. Erstmals machte es sich bezahlt, den Grünkappen beigetreten zu sein.

Von Weitem sah ich Yeshi aufgebracht und todesverachtend über die aufgerichteten Wach-Speere springen, Orasilas fest im Sattel und der Herr Adeptus ungelenk gen Himmel geschleudert. Wie durch ein Wunder, landete auch er wieder auf des Pferdes Rücken. Die Wachen, abgelenkt von Yeshis Hüpfer, stellten unser letztes Hindernis dar.

Geistesgegenwärtig sprach ich sie an. Den Zwölfen sei Dank, dass sie mich gleich erkannten und mir den Respekt zollten, den ihre Brüder der Nostrischen Wehr hatten missen lassen.
Zwei schnelle Unterschriften meinerseits auf ihre nackten Arme ließen sie alles andere vergessen. Mit huldvollem Dank geleiteten sie uns zu unserem Schiff und zogen von dannen.
Orasilas hatte sich mit Arlekin in einem nahen Schuppen versteckt, wie mir seine Schwester Elysmina, die ich in der Menge erspähte, mitteilte. Sie übergab mir eine Botschaft Orasilas, der eine seltsame Leidenschaft für den Buchstaben „H“ zu haben scheint:

„Sihnt in dehm Schuhppen. Kohmmt uhns abolen. O.“

Vielleicht war Schreiben auch einfach nicht Teil seiner Ausbildung. Wir fanden ihn und Arlekin und eilten auf das Schiff, um abzulegen. Der Kapitän der Seemöwe, Sargon Falkenauge, macht keinen sonderlich fähigen Eindruck, da stimme ich unserem Adeptus tatsächlich zu. Aber wir haben wohl keine Wahl. Ich sicherte mir und PePe, der auf unserer Flucht keine Handbreit von mir gewichen war, eine gute Hängematte mit Meerblick. Achja, eines sei noch erwähnt:
Orasilas versuchte, PePe mit einem Apfel gefügig zu machen. Ich bin nicht sicher, wie PePe dazu stand, denn er ist so wenig wie ich ein Kostverächter, doch stellte sich Orasilas derart ungeschickt an, dass der Apfel sich vom Steg aus zu meiner Opfermünze Efferds gesellte. Auch schenkte mein guter Freund meiner Armbrust einen abschätzigen Blick – ich werde ihn im Auge behalten müssen, denn sein Missmut ihr gegenüber gefällt mir keineswegs.

Seemöwe ahoi, wir stechen in See!

von Lysander Federkiel alias Florian Hoffmann

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Ein Kommentar zu “„Das Kompendium“ – Kapitel 12

  1. Ich lese das erste Mal ein Kapitel und bereue, dass ich es zuvor nicht schon getan habe!!! Wirklich schön geschrieben und in Erinnerung an eure letzte Folge hat mir das Lesen das ein oder andere Schmunzeln entlockt.
    Vielen Dank für diese tolle Zusammenfassung, Herr Federkiel!

    Gefällt 1 Person

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