„Das Kompendium“ – Kapitel 13

REISEN UND LEBEN DES LYSANDER FEDERKIEL

Allerorten schlägt mir Begeisterung entgegen, sei es auch, dass ich auf der Flucht mit zwei gesuchten Prinzessinnen-Mördern bin. Das Volk kennt mich, das Volk liebt mich. „Lysander! Lysander!“, rufen sie mir zu, selbst auf einem Lastenkahn wie der betagten Seemöwe. Ich parlierte heute mit den Matrosen über meine Werke und besonders, wie Emanuel in Band sieben mit bloßen Händen einen Drachen erwürgt. Im Überschwang wollte PePe ein Kunststück vollführen, was ihm misslang, und er zog sich schmollend ins Krähennest auf dem höchsten Mast zurück. Ich sage euch, meine verehrten Leser, Affen und Frauen, dies sind die beiden Dinge, die zu verstehen mir am schwersten fällt.

Ich bin ein Ehrenmann und mache mich nicht über das Leid anderer lustig. Deshalb erwähne ich hier nicht, wie kleinlaut unser Adeptus Minor war, seit wir das Schiff betreten hatten.
Minütlich wechselte sein Antlitz die Farbe von grün über blau zu gelb und wieder von vorn. Die Übelkeit der Seefahrt hielt ihn fest im Griff und er tat der See von der Reling aus schwallweise seine Meinung dazu kund, bis sein Magen nichts mehr hergab. Selten erlebte ich ihn weniger Flüche und böse Blicke austeilen, als dieser Tage.

Der gute Orasilas brachte uns Frühstück und spendierte unserem armen Würgebold eine präparierte Salzarele, die gegen Übelkeit helfen sollte, doch Arlekin verschmähte sie. So ließ ich mich erweichen und schickte ihn zum Koch, nach einem Käse namens „Nausea Brimbur“ zu fragen. Von meinen Reisen weiß ich, dass dies ein unfehlbares Mittel gegen Seekrankheit ist. Sollte ein Smutje nun diese Information zum Anlass nehmen, Gerichte mit diesem Käse zu erfinden, so stehen mir rechtmäßig siebenundsiebzig Prozent der Einnahmen zu, nachdem er diese Zeilen gelesen hat. Doch zurück zu meinem Bericht:

Bolle brachte uns zu meiner Freude etwas Reisegeld des Altvaters. Seit meiner unrechtmäßigen Einkerkerung bin ich nicht mehr wirklich zu Geld gekommen, doch gerade kommt mir der Gedanke, einen Burschen nach meinem Verleger um etwas Geld aus meinem Vorrate zu schicken. Ich fürchte der Zoll in Salzerhaven könnte mir den letzten Heller aus dem Beutel ziehen! Ich bin gespannt, was Arlekin von seinen Münzen bleibt, denn magisch begabte werden vom Zoll am schlimmsten geschröpft.

Auch Orasilas muss von einer Art Seekrankheit betroffen sein, denn er machte mit Arlekin das wohl schlechteste Geschäft seines Lebens: Er kaufte dem Magus dessen Dolch für sagenhafte dreißig Silber ab, um eine Waffe für eine Opferzeremonie zu erlangen. Ein Messer aus der Kombüse wäre ihn günstiger gekommen. Ich fand ihn am Bug der Seemöwe in die Brüstung gelehnt, die Arme weit von sich gestreckt und er rief: „Hab wie ein König viel Geeeeeeeld!“ Dann schrammte ein kleiner Eisberg am Bug vorbei, Orasilas warf den Dolch mit seinem Blute benetzt über Bord, und das Schauspiel war beendet. Ja, lieber Leser, auch ich frage mich jeden Tag, auf welche Gesellschaft ich mich nur wieder eingelassen habe. Wir müssen dieses Abenteuer hinter uns bringen und ich muss sagen, zwecks meines Kompendiums tut es mir gute Dienste. Natürlich könnte ich mir solch eine verrückte Geschichte im Handumdrehen ausdenken, doch nichts fesselt mehr, als ein Bericht aus Tatsachen.

Wo ich gerade bei Orasilas und Tatsachen bin: Er tat heute eine Sache, die unsere Freundschaft auf die Probe stellt. Er hält mich aufgrund meiner perfekten Tarnung noch immer für den einfachen Jungen aus Aran. Doch er wollte mir plump die Unterarmbrust entwenden und sicherlich zerstören. Was interessiert mich seine Gottheit, sein Gutmenschentum geht mir in jedem Falle zunehmend gegen den Strich. Forderte er mich allen ernstes in seiner seekranken Umnachtung zu einem Duell! Mich! Einen arglosen Autoren von Weltruhm. Ich kann nur sagen: Er weiß nicht, wen er vor sich hat. Aber er täte besser daran, sich nicht mit Lysander Federkiel anzulegen. Ich dachte, die Lehre aus „Zwei Hände am Rondrakamm“ hätte er gezogen: Ich bin derjenige, der seinen Ruhm verkünden oder ihn zu Fall bringen kann. Meine Feder ist mächtiger als sein verlorenes Lieblingsschwert. Also, Praetor, nimm dich in Acht!

Natürlich musste er ausgerechnet nach unserem Streit sein von ihm vielgerühmtes Abenteuer mit dem Westwinddrachen-Jungen, und wie er es erlegte zum Besten geben. Meine Güte, was für ein Epos würde ich daraus schmieden, würde nicht seine zum Himmel schreiende Gottesfürchtigkeit einen Keil zwischen uns treiben! Aber nein, so bleibt es vorerst bei „Zwei Hände am Rondrakamm“.

Außerdem erfuhren wir heute noch von einer Dame, die wir in Salza um Hilfe ersuchen können: Dardane Brusik. Sie hat Kontakte in den Adel und kann uns von Nutzen sein. Die restliche Zeit auf der Seemöwe war wenig erbaulich. Als Arlekin endlich wieder geradeaus laufen konnte, begab er sich in die Kombüse, um das Küchenwerkzeug für seine Alchimie zu verwenden. Was auch immer er da zusammenrührte, es stank weniger als Orasilas behandelte Salzarelen. Der Herr Praetor übte sich in seinem Sturmtanz und verlor überraschenderweise Pipos Schwert nicht. Ich lauschte gespannt, ob ich nicht ein Platschen vernähme, doch ich wurde enttäuscht. Ich schrieb gewohnt erfolgreich an meinem jüngsten Werk und übte ein wenig mit PePe die Armbrustbolzen einzulegen. Er stellt sich allerdings noch recht ungeschickt an. „Das spitze Ende zum Feind!“, sage ich ihm immer, aber er ist eben nur ein Affe. Nun landen wir gleich in Salzerhaven, wo meine Pflicht auf mich wartet.
Ich werde Katharinia Brahmsdeck die Warnung des Altvaters überbringen und meinen Begleitern wider Willen helfen, Beweisen für die Verschwörung nachzujagen. Nimm dich in Acht, Edelgraf!

von Lysander Federkiel alias Florian Hoffmann

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